|
Viele hatten uns für verrückt erklärt: „Waaas? Ihr wollt 'ne Raidertour auf Malta machen? Ihr seid ja bekloppt! Wo wollt ihr denn da übernachten? Im Radisson? Oder auf dem Bürgersteig? Ne, mal ganz ehrlich, das könnt ihr vergessen, ihr werdet's ja sehn!“
Goldenes, silbernes Malta
Von draußen rief man ihr zu;
von den Wällen kam die Antwort.
„Goldenes, silbernes Malta,
Malta aus edlem Metall,
Malta, wir werden dich nicht erobern,
selbst wenn du nur eine Melone seiest,
selbst wenn dich nur die Schale einer Zwiebel schützte.“
aus einer zypriotischen Ballade des 16 Jahrhunderts
Zugegeben, es ist schon etwas seltsam, sich für eine Tour mit Rucksack und Zelt ausgerechnet diesen kleinen 27 km langen und 14 km breiten Felsen im Mittelmeer auszusuchen, auf dem es gerade mal drei Wasserquellen gibt, der einen einzigen Wald besitzt, welcher obendrein noch angepflanzt ist, dessen größtes frei lebendes Tier das Kaninchen ist, den man locker in 5 Tagen in gemüt-lichem Tempo umrunden könnte und der ironischerweise auch noch ein eigener Staat ist... Dass sich die Schlafplatzsuche möglicherweise ein wenig kompliziert gestalten könnte, hatten wir vorher auch gemutmaßt; schließlich hat Malta mit 1291 Einwohnern pro km² die sechsthöchste Bevölkerungsdichte der Welt und ist als Urlaubs- und Badeinsel bekannt, bzw. verschrieen, weshalb es auf den allerersten Blick nicht das geeignetste Fahrtenland zu sein scheint.
Was uns jedoch auf diese kleine Insel zog, war nicht vor allen Dingen die Erwartung von fulminanten Naturerlebnissen (die wir schließlich aber doch des Öfteren genießen durften,) in der Einsamkeit der Wildnis, sondern wir wollten uns in erster Linie auf eine Reise in die Vergangenheit einer Insel begeben, deren Schicksal gewissermaßen/ in gewisser Weise mit unsrem eigenen verknüpft ist – was uns eigentlich erst während der Fahrt so richtig bewusst wurde. Anlässlich des Paulus-Jahres sollte die Woche eine Fahrt auf den Spuren des hl. Paulus sein, der ja, wie in der Apostelgeschichte beschrieben, nach einem Schiffbruch auf Malta überwintert hatte. In dieser Zeit bekehrte er die maltesischen Einwohner, die noch immer stolz darauf sind, zu den ältesten christlichen Völkern zu zählen, was auch daran zu erkennen ist, dass der christliche Glaube noch immer sehr tief in der Öffentlichkeit und in den Herzen der Menschen verwurzelt ist. So besitzt jedes noch so kleine Städtchen mindestens eine große und meist wunderschöne Kirche oder sogar eine Basilika, in der sich immer ein paar Beter aufhalten. Nicht umsonst heißt es auch in einem geflügelten Wort, Malta habe für jeden Tag im Jahr eine Kirche. Auch hat ein Großteil der Häuser, die übrigens in ihrem Baustil sehr arabisch anmuten, Namen wie Sta. Maria, St. Joseph, Annunziata, oder Sti. Angeli. Interessanterweise nimmt das Christentum auch in der maltesischen Politik einen hohen Stellenwert ein. So sträubt sich Malta entschieden gegen eine Aufweichung des Abtreibungsverbots und Nacktbaden ist auf Malta verboten. Mit der EU liegt Malta aber noch auf einem anderen Gebiet in Konflikt: Wie wir an den vielen leeren Patronenhülsen, die auf Malta zuhauf zu finden sind, feststellen konnten, sind die Malteser leidenschaftliche Vogeljäger und ob der Übergangskompromiss zu Annahme der EU-Vogelschutzrichtlinie wohl eingehalten wird, darüber wollen wir uns kein Urteil erlauben... Zurück zum hl. Paulus: In der Stadt Rabat im Landesinneren besuchten wir die Grotte des hl. Paulus, in der er sich während seiner Zeit auf Malta aufgehalten haben soll, und durften dort eine hl. Messe feiern. Nachdem wir am vorhergehenden Abend erkennen mussten, dass wir die Sonne Maltas, das immerhin südlicher als der Nordzipfel Afrikas liegt, doch deutlich unterschätzt hatten, fand in Rabat ebenfalls ein kollektiver Sonnenhütekauf statt, bei dem sich nur einige Ausreißer nicht dazu bewegen ließen, das „Einheitsmodell“ zu kaufen. In Richtung der nahen Stadt M'dina spazierten wir also (fast) allesamt mit dem gleichen weißen Hut auf dem Kopf, der je nach Gusto durch seine Besitzerin noch ein wenig in Form gebogen worden war. M'dina, „la città silente“, die stille Stadt, die mit ihren stillen kleinen Gassen und auf arabischen Fundamenten errichteten mittelalterlichen Wehrmauern und Bauwerken zeitlos und ein wenig verzaubert wirkte, ist die alte Hauptstadt Maltas, die einst von den Arabern errichtet wurde und die ihren Namen wohl in Erinnerung an die heilige Stadt der Muslime, Medina, erhalten hat.
Der hl. Paulus stellte jedoch nicht den einzigen Grund dar, aus dem wir uns für Malta entschieden hatten. Der zweite Grund ist in unsrem Bundesabzeichen zu finden: das achtspitzige Kreuz, „das ruhmreiche Abzeichen des Ordens des hl. Johannes zum Spital von Jerusalem“, wie es so schön im Pfadfinderprobenheft heißt. Bei diesem Orden handelt es sich ja um nichts anderes als um den Malteser-Orden, der zu diesem Namen kam, als er sich um 1530 auf der Insel Malta niederließ, wodurch das Schicksal Europas entscheidend beeinflusst wurde. Wie wir erfuhren, verteidigte der Malteser-Orden im 16. Jahrhundert gemeinsam mit den maltesischen Einwohnern die Insel Malta gegen ein riesiges Belagerungsheer des osmanischen Sultans, der es trotz seiner Überlegenheit sowohl an Kämpfern als auch an Waffen nicht schaffte, die Insel zu erobern und dem Islam dadurch die Tür nach Europa aufzustoßen. In mehreren Monaten harter und aussichtslos erscheinender Verteidigung retteten so die Malteser, an ihrer Spitze der Großmeister Jean Parisot de la Valette, der ehrfurchtsvoll „Schild Europas“ (wie auch unsre Lagerlektüre von Ernle Bradford hieß,) genannt wurde, durch ihren heldenhaften Einsatz Europa vor der drohenden Osmanisierung. Da die geographischen Gegebenheiten zu besagter Belagerung in unsrer Lagerlektüre genau beschrieben waren, war es ein besonderes Erlebnis, die betreffenden Schauplätze zu besuchen und sich an Ort und Stelle die Ereignisse vor Augen zu rufen. Wir sahen also die Bucht, in der die osmanische Flotte gelandet war, fanden die Stelle, an der die Verteidiger eine Eisenkette durch das Wasser gespannt hatten, um die Osmanen an der Invasion zu hindern, konnten die Überreste des tapferen Forts St. Elmo bestaunen und durften selbst in das Fort St. Angelo hinein, das seit einiger Zeit wieder Ordensburg der Malteser ist, wo wir eine kleine Führung durch einen waschechten Ordensritter der Malteser erhielten – natürlich auf Englisch! Auch Valetta, die mit 7173 Einwohnern kleinste Hauptstadt der EU, war einen Besuch wert. Dort steht die ungeheuer prächtige St. Johns Cathedral, die von den Maltesern gebaut wurde und in der viele Ordensritter aus allen Teilen Europas begraben liegen, so auch ein Ritter von Galen, ein Vorfahre des Sel. Kardinal von Galen und des Grafen, dem die SJM das Haus Assen zu verdanken hat. Während unserer Fahrt wollten wir nun also möglichst viele Zeugnisse dieser vergangenen Zeiten und verschiedenen Kulturen, wie zum Beispiel auch prähistorische Tempelanlagen der so genannten Megalithkultur, von einigen auch äußerst respektlos als „Steinhaufen“ bezeichnet, aufsuchen. Da wir jedoch nur eine Woche auf Malta verbringen konnten, aber in dieser kurzen Zeit die ganze Insel samt Nachbarinsel Gozo erkunden wollten, war unser Programm sehr prall gefüllt, weshalb wir – eigentlich ganz entgegen unsrer Art – in den ersten Tagen recht häufig auf das Transportmittel „Bus“ zurückgriffen. Später kamen wir zu der Einsicht, dass sich die Wartezeiten an den Bushaltestellen besser durch Bewältigung der Strecke per pedes ersetzen ließen... So reisten wir kreuz und quer durch Malta und verbrachten drei Tage auf der Insel Gozo, die man von der Zitadelle der Stadt Victoria auf Gozo aus fast komplett überblicken konnte. Überall brachten uns die Einwohner, und auch die Touristen, von denen uns manche gleich mehrmals trafen und jedesmal freudig wiedererkannten, sehr viel Offenheit und Sympathie entgegen, so dass sich vor allem das Trink- und Kochwasserproblem immer schnell lösen ließ. Auf Gozo trafen wir in einem kleinen Städtchen auf einen Pfadfinderstamm, der gerade ein Fest feierte. Wir wurden natürlich sofort herbei zitiert und bekamen ein reichliches Mittagessen und mehr Proviant, als wir tragen konnten. Lediglich an unsrem ersten Morgen auf Malta hatten wir die erste – und zum Glück einzige – unange-nehme Begegnung, die in uns ein einziges Mal leises Bedenken in Hinblick auf die Schlafplatzsuche weckte: Nach der heiligen Messe unter freiem Himmel erschien ein äußerst aufgebrachter Herr, dem anscheinend das Feld, auf dem wir übernachtet hatten, gehörte (und der uns kräftig einheizte.) Wie er uns wort- und gestenreich verkündete, war sein erster Eindruck, als er uns sah, es sei eine Bombe in sein Feld eingeschlagen. Als er aber erkennen musste, dass wir seine schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigten, ließ er sich rasch besänftigen und nahm von seinem Vorhaben, die Polizei zu holen, schnell Abstand. Allerdings war er der festen Überzeugung, dass wir ohne fremde Hilfe auf Malta keinen einzigen Schlafplatz finden würden und gab uns die Telefonnummer einer maltesischen Pfadfindergruppe, woraufhin er sich recht freundlich verabschiedete.
Natürlich stopften wir uns in diesen Tagen nicht nur mit Kultur voll; schließlich hat Malta auch eine fremdartige und reizvolle Natur, zu der allerdings auch schier end- und weglose Distel-, Dornen- und Kaktusfelder mit dem poetischen Namen „Maccia“ zählen. Gleich am ersten Tag machten wir eine Bootsfahrt zu den Blue Grotto, kleine Höhlen an der Südküste, die von der See aus dem weichen Sandstein gewaschen wurden und um die herum das Wasser strahlend blau wirkt. Der Name „Blue Grotto“ weist auf eine weitere Kuriosität hin, nämlich die maltesische Sprache, die sich aus einem arabischen Dialekt entwickelt, sich aber im Laufe der Jahrhunderte mit englischen, italienischen und französischen Elementen vermischt hat. Heute ist sowohl Malti als auch Englisch Amtsprache. Insgesamt ist die Insel sehr reich an schönen und naturbelassenen Buchten. Erstaunlicherweise entdeckten wir an der Nordküste Gozos sogar einen kleinen Fjord.
Um aus Rücksicht auf die ganz kritischen Leser noch einmal auf die Schlafgelegenheiten zurückzukommen: Wir schliefen dreimal mit direktem Blick aufs Meer, davon einmal etwa 30 Meter über dem Meeresspiegel in der Nähe einer zauberhaft einsamen Bucht, die sich wunderbar zum Baden eignete und die wir völlig ungestört genießen durften, einmal an einer kleinen Kapelle und einmal zwischen niedlichen kleinen Obstgärten mit Zitronen-, Orangen-, Feigen- und Olivenbäumen, wo allerdings die Mückenplage an die Grenze des Erträglichen ging. Auf Gozo übernachteten wir einmal an der berühmten Wallfahrtskirche Ta Pinu und einmal in einer Art Amphitheater auf einem Bergplateau. Beide Lagerplätze waren reichlich weit entfernt von den nächsten Siedlungen. In der letzten Nacht durften wir den Garten eines Pfadfinderheimes in einem Vorort der Hauptstadt Valetta benutzen. Natürlich war das Ganze eine etwas außergewöhnliche Fahrt, die aber so reizvoll war, dass wohl keine von uns es bereut hat, mitgekommen zu sein.
Als wir wieder in Venedig landeten, wo wir auch abgeflogen waren und wo unsre Autos standen, erlebten wir eine letzte Überraschung, die uns den eindeutigen und handfesten Beweis dafür gab, dass wir die ganze Woche von Gottes gütiger Hand beschützt und wahrhaftig von seinen Engeln begleitet worden sind: Schon vor der Landung hatten wir mit Schrecken bemerkt, dass der Schlüssel unsres VW-Busses nicht aufzufinden war. Als wir auf den Parkplatz kamen, stellen wir fest, dass der Bus die ganze Zeit unverschlossen gewesen war – und das in Italien auf einem öffentlichen Parkplatz, eine ganze Woche lang! Der Schlüssel, der wohl einen Tag lang in der Beifahrertür gesteckt hatte, war in der Sakristei abgegeben und an den zuständigen Pfarrer weitergeleitet worden. Und da soll noch mal jemand sagen, es gebe keine Wunder...!
Franziska Harter
|